Die Revolte des Körpers 

Friday, June 10, 2011 7:59:00 PM

Aktuelle Befunde der neuropsychologischen Forschung verdeutlichen, dass Emotionen kein Luxus sondern ein bedeutsamer Teil eines komplexen Systems sind, das uns Menschen dazu befähigt gute Lösungen für Probleme zu erarbeiten und optimierte Entscheidungen zu treffen. Das so genannte ‚rationale Handeln’ ohne Gefühlseinfluss, wie es der bekannte Philosoph René Descartes postulierte, gibt es also gar nicht. Ausnahmen bilden hier nur erkrankte Menschen. Entscheidungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen sind deshalb als Resultate vielschichtiger Prozesse zu verstehen, in denen Emotionen eine entscheidende Rolle spielen.

Welche Bedeutung Gefühlen als eine Form ‚abgespeicherter’ Erinnerungen zukommt, ist Thema des aktuellen Buches der Psychoanalytikerin Alice Miller. Mit bodenständiger Klarheit beschreibt sie, welche Auswirkungen körperliche als auch seelische Misshandlungen bei Betroffenen hinterlassen. Als unwiderrufliche Wahrheit im Gesamtorganismus des Menschen verankert reagiert dieser solange seismographisch auf ‚rationale’ Beteuerungen und Verharmlosungsversuche, bis der Einzelne bereit und fähig ist seine subjektive Wahrheit bewusst zu erfahren. Erst in diesem Zulassen und Begreifen sieht die Autorin die Grundlage für Heilung.

Ohne sich hinter Fachtermini zu verstecken beschreibt Alice Miller zusätzlich die Verbindungen zwischen der geltenden Moral, die noch immer dazu tendiert Eltern in Schutz zu nehmen, und den Mechanismen, aufgrund derer ungelöste Probleme von Generation zu Generation weitergegeben werden können. 

Dass eine Aussöhnung des Klienten mit seinen Eltern nicht als notwendige Bedingung einer gelungenen Therapie betrachtet werden kann, wird in diesem im Suhrkamp-Verlag erschienen Buch für Betroffene und Therapeuten deutlich.